Wie die Angst Krankheiten beeinflusst9 min Lesezeit

Die Psychosomatik und das biopsychosoziale Modell

 

Angst war noch nie ein guter Berater, denn allzu leicht verfällt der Ängstliche in Panik. Stattdessen ist Respekt und Vorsicht geboten, gepaart mit rationalem Denken. Leichter gesagt als getan, ich weiß.

Wenn wir uns jedoch bewusst machen, dass Angst, der dadurch entstehende Stress und letztendlich die Panik das Immunsystem erheblich schwächen, erkennen wir hoffentlich die dringende Notwendigkeit sich zu disziplinieren. Gerade in Zeiten von Corona wird Panik verbreitet. Keiner weiß, wo er wirklich dran ist, mit was er im Falle einer Erkrankung zu rechnen hat. Die Kopflosigkeit der Regierung tut ihr Übriges, verbreitet Horrormeldungen, zieht aber nicht an einem Strang, hat keine Strategie, wirft mit verwirrenden Zahlen einschließlich Indizes um sich und taktiert lediglich entsprechend der aktuellen Situation und folgt den Aussagen eines einzigen Heilands. 

Man lässt den Bürger im Argen, lässt ihn mit seinen Problemen allein und trifft Entscheidungen, deren Sinn sich einem oft verschließt. Mal heißt es, das Corona-Virus mutiert bereits, was am Schutz nach einer Impfung, ähnlich der Grippeimpfung, sehr zweifeln lässt. Und dann heißt es, wir brauchen die Impfung gegen Covid-19, dann würde alles besser. Neuere Meldungen stellen das jedoch infrage. Und überhaupt, welche Gefahren, vor allem Langzeitschäden birgt der unzureichend getestete Impfstoff? Die Entscheidungsträger kommen einem vor wie aufgescheuchte Hühner, die mal dort picken und schnell wieder wo anders. Diese Planlosigkeit, ja Unfähigkeit in einer Krise zermürbt.

Andererseits ist es nicht allein die Krankheit, sondern es sind die wirtschaftlichen Folgen, die bei vielen die Existenz bedrohen. Die Betroffenen werden hingehalten, vertröstet, mittels Zuschüssen ruhig gestellt, sofern diese ankommen. Und irgendwie ahnt jeder, es kommt noch dicker, auch wenn die Regierung und ihre Handlanger beschwören, die Talsohle sei durchschritten. Nur haben sie vergessen zu erwähnen, dass die angeordnete Insolvenzverschleppung ein Seilakt ohne Netz und doppelten Boden darstellt.

Für viele wird dies das finanzielle Aus bedeuten – nicht für Beamte und Politiker, die werden sich nächstes Jahr sicherlich noch die Diäten erhöhen, weil sie so hart haben arbeiten müssen.

Bei den übrigen, die nicht am System partizipieren, wird sich Verzweiflung breitmachen, Depressionen ein neues Rekordhoch erklettern und die Selbstmordrate zunehmen. Neben Wut auf Politik, wegen ungerechter Behandlung, wegen sozialer Schieflage und permanenter Einschränkung der Grundrechte entsteht Hass auf alles und jeden, der an dieser Entwicklung Schuld trägt. Die Toleranzgrenze sinkt und Aggression wird ausufern, ein vorhersehbares Phänomen bei solchen Entwicklungen. Und diejenigen, die es durchstehen und ihre Sorgen verdrängen, werden an psychosomatischen Defekten leiden. Die Kliniken werden voll von Menschen sein mit psychosomatischen Problemen, denn die Spätfolgen sind unabwendbar. Nein, nicht ganz, erkannt man die Signale, die der Körper sendet, kann womöglich Linderung geschaffen werden. Womit wir beim Thema wären, denn der Mensch ist Teil und Produkt seines biopsychosozialen Umfelds.

 

Was versteht man unter Psychosomatik?

Was sind psychosomatische Krankheiten? Ist das etwas Schlimmes, so wie Aids? Zumindest wird der als psychosomatisch krank-Eingestufte oft gemieden wie die Pest. Ist jeder gleich irr, der in eine Klinik für psychosomatische Krankheiten eingewiesen wird? Sind psychosomatisch Erkrankte labile Typen, bemitleidenswerte ‚Psycherl’, wie man in Bayern sagt, die nichts aushalten und sich mimosenhaft in Krankheiten flüchten? Menschen, die psychisch nicht belastbar sind? 

Aus der Begriffsanalyse lässt sich erkennen, dass es sich um eine Verknüpfung von Leib und Seele handelt. Soma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Leib oder Körper. Psyche entstammt ebenfalls dem Griechischen und ist mit Hauch, Atem, Lebenskraft oder Seele zu übersetzen. Heute ist mit Psyche meist das Unterbewusstsein gemeint. Psychosomatische Krankheiten sind demnach Störungen des Körpers und seiner Funktionen, die vom Unterbewusstsein ausgelöst werden. Psychosomatische Medizin ist die Wissenschaft und Heilkunde von den wechselseitigen Beziehungen psychischer, sozialer und körperlicher Vorgänge in ihrer Bedeutung für Gesundheit und Krankheit . So definieren auch Hoffmann und Hochapfel  die Psychosomatische Medizin als Lehre von den körperlich-seelisch-sozialen Wechselwirkungen in der Entstehung, im Verlauf und in der Behandlung von menschlichen Krankheiten.

 

Wie entstehen psychosomatische Defekte?

Wenn der Mensch unter ‚Daueralarm’, also unter chronischem Stress, steht, und sich sein Leben nicht mehr in Harmonie befindet, erzwingt dies als Ausdruck der Krise vegetative Leistungen in Gestalt von erhöhtem Blutdruck, Nervosität, Gereiztheit, Erbrechen und chronischem Kopfschmerz. Der Kranke mag zwar am Magen symptomatisch kuriert sein, aber die unbewusste Affektspannung zieht ein neues Organsystem in Mitleidenschaft. 

‚Stress’ ist nicht umsonst das Schlagwort unserer Zeit. Stress kommt aus dem Englischen und bedeutet erst mal nichts anderes als ‚Druck’. Er ist es, der auf dem Individuum lastet und der zu konkreten Reaktionen im Körper führt. Stress manifestiert sich somit als Konflikt mit der Umwelt und  bezeichnet die unspezifische Anpassung des Organismus an jede Anforderung einer äußerlichen oder innerlichen Bedrohung und deren Abwehr. Psychosozialer Stress entsteht durch das Empfinden des Einzelnen und seiner Interpretation der auf ihn einwirkenden äußeren Umstände. Diese individuelle Interpretation richtig zu deuten und einzuschätzen ist laut Thure von Uexküll die Aufgabe des Psychosomatikers. 

Nach Hans Selye  ist Stress nichts grundsätzlich Negatives, es hängt davon ab, wie man mit ihm umgeht. So unterteilt man Stress in den ‚guten’ Eu-Stress, der den Organismus günstig aktiviert und zur Nutzung seiner Ressourcen führt, und den ‚bösen’ Dis-Stress, durch den der Organismus infolge eines Übermaßes an Anforderungen geschädigt wird. Dis-Stress ist ein unkontrollierter Stress und kann nachgewiesener Weise zu Gastritis, Magengeschwür, Übelkeit, Schwindel, Hauterkrankungen, Asthma, Rheuma, Gicht und Herzerkrankungen führen. Außerdem schwächt Stress das Immunsystem, was wiederum anderen Krankheiten Vorschub leistet, wie bakteriellen, viralen und tumorösen. 

Eine ständig wachsende Gruppe von Krankheiten, die man im ersten Moment kaum einem seelischen Konflikt zuordnen würde, nämlich die der Schmerzerkrankungen, zählen mittlerweile zu den häufigsten psychosomatischen Krankheiten. 

Interfamiliäre Konflikte – durch Corona mehr denn je – führen zu seelischen Spannungen und äußern sich in akuten und chronischen Schmerzen. Kopfschmerzen, Migräne, Hals- und Rückenschmerzen, Magenschmerzen, Darmkrämpfe durch Verstopfung oder Durchfall und nicht zu vergessen Glieder- (Peseschkian ) und Muskelschmerzen aller Art. Diese können eine Vielzahl von psychischen Ursachen haben: Wer sich von seinem Partner zu wenig unterstützt und verstanden fühlt, beantwortet dies häufig mit Rückenschmerzen. Wer sich ständig über andere ärgert, nur über sich selbst nicht, klagt als Folge öfter unter Verstopfungen, der Darm macht zu, weil man sich der Situation gegenüber als hilflos sieht. Nicht selten kommt es dabei zu Krämpfen. 

Unbewusste Emotionen führen zu verminderter Durchblutung im Magen. Die Schleimsekretion ist vermindert, wodurch die Säure nicht ausreichend durch den Magenschleim neutralisiert werden kann, was zu Magengeschwür mit Sodbrennen führen kann. 

Wer auf andere neidisch ist, sich ständig ärgert, vermindert durch diese Emotion die Magenmotorik. Beim Magen-Patienten stehen zumindest Neid, Ärger und Missgunst im Hintergrund, was man auch gut an seinem meist grauen Gesichtsausdruck mit nach unten hängenden Mundwinkeln erkennen kann. Das Verhalten anderer, das er nicht billigt, stößt ihm eben sauer auf. Ähnlich wie der unter Verstopfung leidende sucht der Magen-Patient nie ein ursächliches Verhalten bei sich selbst, sondern projiziert die Schuld für sein Leiden immer auf andere. Er sucht förmlich die Konfrontation. 

Ein Zwölffingerdarmgeschwür bekommt jemand, der aus seiner behüteten sowie vertrauten Umgebung und Gesellschaft herausgerissen wird und sein soziales Umfeld ändern muss, wie durch Arbeitslosigkeit. Dabei kommt ein Wechsel von Schule oder Arbeitsplatz, Immigration in ein anderes Land, aber auch bei Eheschließung und damit verbundenem Wohnortwechsel, womöglich noch in eine andere Familie, in frage. 

Frauen, die sich in einer Opferrolle sehen, zum Schönheitschirurgen rennen und sich kiloweise mit Schmuck behängen, sind typische Gallenkolik-Patientinnen. 

Ebenso sieht Thure von Uexküll bei Rheuma eine psychosomatische Disposition, wobei hier als Hintergrund Aggressionen gegen sich selbst mit Neigung zu erhöhter körperlicher Aktivität zu sehen sind. Daneben existiert der Wunsch nach Unabhängigkeit, besonders nach langjährigen Ehekrisen und stressbedingten Berufssituationen. Schon die klassische Psychosomatik verstand die rheumatoide Arthritis als eine der sieben psychosomatischen Erkrankungen im engeren Sinne. Es ist also deutlich ablesbar welchen immensen Einfluss biopsychosoziale Gegebenheiten auf die Funktion unserer Organe ausüben. Mit diesen Überlegungen ist die gedankliche Vorarbeit zur heutigen Sichtweise, die in der modernen Psychosomatik eine unteilbare biopsychosoziale Einheit des Menschen sieht, geleistet. Dieses biopsychosoziale Modell baut auf der Theorie auf, dass Körper und Seele (=Psyche) sich bei der Krankheit wechselseitig beeinflussen, als organische Einheit. Danach entwickeln sich psychosomatische Krankheiten in Korrelation zwischen Erlebnis und diesem Erlebnis zugeordneten körperlichen Leistungen.

Im schlimmsten Fall können oben genannte Entwicklungen einen Menschen in Situationen der Ausweglosigkeit führen, sodass der Selbstmord nur mehr als einzige Alternative gesehen wird – Suizid als ultima ratio. Kennzeichnend ist eine zunehmende Einengung der Wahrnehmung, des Denkens und der Handlungsmöglichkeiten (präsuizidales Syndrom). In der Vorgeschichte findet man meist langfristig nicht gelöste Lebensprobleme mit zunehmender Vereinsamung. Hierzu gehören erschreckenderweise zunehmend Missbrauch und häusliche Gewalt gerade in Zeiten von Corona, wo viele Menschen zu Hause bleiben müssen und man sich nur schwer aus dem Weg gehen kann. Als deren Folge prägen sich neben Essstörungen häufig lebenslange manifeste Neurosen aus. Die Aufmerksamkeit wird immer weniger auf die Lösung des Problems, sondern auf die Kontrolle der Angst verlagert, also rein symptomatisch. Alkohol, andere Drogen und Medikamente spielen in dieser Entwicklung meist eine tragende Rolle. Die Verarmung an Lösungen und die Vereinsamung (Besuchsverbot in Altenheimen) erzeugen einen Effekt der Einengung, der oft nur die Selbsttötung als alleinige Lösung übrig zu lassen scheint. Verstärkend wirkt sich aus, wenn in der Vor- oder der Familiengeschichte Suizid oder Suizidversuche vorliegen, die unbewusst als Lösungsmuster vermittelt wurden. Hierzu gehört auch das heimliche Sammeln von Schlaftabletten, mit denen sich alte Menschen für den Fall einer schweren Erkrankung aus dem Leben schleichen wollen. Bekommen Angehörige dies mit und reagieren nicht, kann sich bei diesen eine leichtfertigere Einstellung zur Selbsttötung entwickeln. Weitere Risikofaktoren können endogene Depression, Schizophrenie, Sucht, schwere Krankheit, Vereinsamung, mangelnder Lebenssinn und Arbeitslosigkeit sein. Die Beispiele sind nahezu endlos. 

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