Slow Food

2004 durfte ich mir, eingeladen von der toskanischen Landwirtschaftskammer, Slow Food Betriebe ansehen, bewundern und deren Verfahrensweisen sowie den daraus resultierende Geschmack beurteilen.

Sicherlich fragen sich noch heute viele Konsumenten, was Slow Food eigentlich bedeutet, denn gerade in Deutschland hört man recht wenig darüber. Hierzulande kennt man Bio und meint, das sei die beste Form einer nachhaltigen und gesunden Lebensmittelproduktion. Dem ist nicht so. Ich will mich in diesem Artikel nicht weiter über die sogenannten Bioprodukte auslassen, dies tue ich in einem gesonderten Beitrag. 

Hier nur soviel dazu: Ich stelle bei „Bioprodukten“ erst mal ein großes Fragezeichen auf. Nur wenn ich den Produzenten und das Herstellungsverfahren persönlich kenne, akzeptiere ich Bio als Bio. Allen anderen „Bioprodukten“ stehe ich sehr kritisch gegenüber und vertraue ihnen zuerst einmal nicht.  Zu viele Hersteller und Händler habe ich seit Beginn der Biowelle kennengelernt, die ihre eigene Auffassung von Bio hatten. Und von Fertigprodukten halte ich schon einmal gar nichts, denn oft ist nur der Hauptinhaltsstoff angeblich aus ökologisch-dynamischer Produktion. Mittlerweile gibt es Lebensmittel, bei denen alle Inhaltsstoffe, die aus ökologischer Produktion kommen, gekennzeichnet sind. Ein kleiner Fortschritt. Jedoch kommen heutzutage viele Produkte oder Zusatzstoffe aus Ländern, in denen man unkompliziert jedes Zertifikat kaufen kann. Das beginnt schon in Rumänien. Doch genug davon, sonst verdüstern sich meine Gedanken und ich kann mich nicht auf die wirklich guten Qualitätsprodukte konzentrieren und daran freuen.

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Bemerkenswert ist, dass Slow Food in den Ländern, die zu genießen wissen ( z.B. Italien, Frankreich und auch Österreich), viel verbreiteter ist als in Deutschland, wo es leider meist um den Preis geht, man mehr Fast Food vertilgt, wenig Zeit hat und daher kaum selbst kocht. Außerdem neigt der deutsche Konsument mehr dazu, sich unbesehen irgendwelchen Trends anzuschließen, ohne diese zu hinterfragen.

Was ist nun aber Slow Food im Gegensatz zu Fast Food?

Eben habe ich schon dem Slow Food das Fast Food gegenübergestellt. Fast Food, das schnelle Essen eines Lebensmittels, das mehr oder weniger aus der Retorte kommt und mit Geschmacksstoffen versehen ist. Fast Food trendet nahezu überall, selbst in China und dem Feinschmeckerland Frankreich. Meist ist es die Jugend, die weniger Geld zur Verfügung hat und die Verkaufsstellen als Treffpunkt nutzen.

Viele unserer Kinder und wir selbst auch, wissen überhaupt nicht mehr, wie ursprüngliche Lebensmittel schmecken. Heute im Zeitalter von Fast Food, Tiefkühlkost und Fertiggerichten, in einer Zeit, wo genormte Gewürzmischungen, viel Salz, künstliche Aromen und Geschmacksverstärker den Gaumen überreizen und täuschen, sind unsere Geschmacksknospen für Feinheiten kaum noch zugängig. Im Zeitalter für Normierungen wird kaum noch der Geschmack der einzelnen Kräuter unterschieden. Meist überdecken hohe Konzentrationen von Salz, Curry, Paprika und Pfeffer die feinen Aromen der Naturvielfalt. An ihrer statt ernten Großbetriebe blasse, geschmacklose Salate aus Hydrokulturen, Champignons aus Hallenzuchtanlagen und Gemüse aus Züchtungen, die nur zwei Leistungsmerkmale erfüllen: schnelles Wachstum und Größe. Doch der Geschmack ist weg.

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Wer kennt sie noch die runzligen schmackhaften Äpfel aus Nachbars Garten, die ungleichen und kleinen aber zuckersüßen Erdbeeren oder die aromatischen Karotten aus Omas Beet?

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Heute: Aufgeblasene Brötchen, deren trockene Kruste in tausende von Bröseln zerfallen oder Croissants der Marke ‚Gigantos’ lassen jeglichen Geschmack vermissen. Wer feinen Geschmack sucht, findet ihn nur noch in teuren Feinkostläden und selbst da wird mit künstlichen Aromen getrickst.

Diesem Fast Food gegenüber steht der Genuss am Lebensmittel, dem man Achtung und Respekt äußert, dessen feine Nuancen man schätzt und zu dessen Verzehr man sich Zeit lässt.

Ein Beispiel fällt mir dazu ein. In einem Fernsehbeitrag vor vielen Jahren ging es um die Essgewohnheiten in der Bretagne. Dort wurde eine Familie gezeigt, die sich mit Freunden jeden, oder fast jeden Sonntag zum gemeinsamen Essen trafen, das sie auch zusammen zubereiteten. Jeder hatte seine Aufgabe und half mit. Die Zutaten wurden zum Teil von Märkten geholt, die bis zu 30 km entfernt lagen und nicht nur in einer Richtung, aber dennoch aus der Region und nicht vom Importeur im Supermarkt.

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Die Butter von dort, das zarte Ochsenfleisch, mindestens 28 Tage abgehangen und aus Weidehaltung ohne Silagefütterung, aus entgegensetzten Richtung und das Baguette aus dem Nachbarort. Ähnliches kennen wir aus Italien und Spanien, wo mittags, vor allem am Sonntag stundenlang gegessen wird. 

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Heute würden Umweltschützer daran Anstoß nehmen, für Lebensmittel so weit zu fahren, nicht daran denkend, dass ihre „Bionahrung“ zum Teil  tausende Kilometer hinter sich hat.

Der Genießer, so wie der Freundeskreis im Filmbeitrag, hat Zeit, er nimmt sich Zeit und würdigt das Lebensmittel und wertschätzt dessen Qualität und erfreut sich an der harmonischen Geselligkeit.

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Slow Food bedeutet also einerseits, langsam und mit Bedacht essen. Andererseits die Waren der Region zu bevorzugen. 

Drittens müssen diese Produkte bestimmte Kriterien erfüllen: 

  1. traditionelles Lebensmittelhandwerk
  2. nachhaltiges Produktionsverfahren
  3. Naturbelassenheit
  4. Verwendung alter Sorten und Rassen
  5. authentischer Charakter (Regionalität)
  6. saisonal
  7. artgerechte Haltung der Tiere
  8. fairer Handel

 

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Slow Food ​

Der Gründer von Slow Food Carlo Petrini definierte 2006 die Grundbegriffe der „Neuen Gastronomie“ als Maßstab: Buono, pulito e giusto – gut, sauber und fair. Wenn ein Element fehle, sei das laut Petrini nicht Slow Food.

Der Auslöser zur Gründung von Slow Food war die Eröffnung einer McDonald-Filiale 1986 auf der von antiken und barocken Gebäuden umgebenen Piazza Navona in Rom.  Aus Protest dagegen organisierte Petrini ein öffentliches Spaghetti-Essen an der Spanischen Treppe.  Und am 9. Dezember 1989 folgte in Paris die Gründung der internationalen Bewegung Slow Food. Der aus dem Piemont stammende Petrini gründete 2000 in Turin die Genießermeile „Salon des Geschmacks“ und in Pollenzo die gastronomische Università di Scienze Gastronomiche.

Inzwischen fordert Slow Food, vor allem Slow Food Deutschland, von der Weltgemeinschaft, sich zu einem nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystem als entscheidende Maßnahme für Klimaschutz zu bekennen. Und das Slow Food Netzwerk macht sich für einen europaweiten Verzicht auf Pestizide stark. Für mich agiert gerade die deutsche Abteilung zu politisch, zu sehr am linksgrünen Mainstream orientiert. Die Deutschen lieben den Dogmatismus, die Vorschriften und genau das ist es, was Slow Food eigentlich nicht ist. Slow Food fordert nicht, es überzeugt durch Qualität und spricht die Menschen an, die genießen können und wollen. Der Dogmatismus liegt lediglich in den oben genannten Kriterien, aber es ist jedem freigestellt, ob er da mitmacht oder nicht, es wird kein Druck auf Andersdenkende aufgebaut, nach dem Prinzip, Du bist gut und Du bist böse. Slow Food ist freiwillig und darf nicht zu einem Zwang und damit wie „Bio“ verramscht werden.

In unserer Genussmittelliste finden Sie Nahrungsmittel, die zwar nicht alle das Prädikat „Slow Food“ auszeichnet, aber sich durch ausgezeichnete Qualität hervorheben und höchsten Genuss versprechen und halten.

https://fachportal-gesundheit.de/genussmittelliste/ 

 

Andreas Gruss
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