Individuelle Vereinsamung

 

Die materielle Orientierung unserer Gesellschaft lässt sich schon in der pervertierten Auslegung des Begriffes ‚Zuwendung’ erkennen, die darin nur eine Zuwendung von Vermögenswerten sieht und nicht das aktive und ‚persönliche’ Hinwenden zu einer Sache oder Person. Nur in der Psychosomatik und Psychoanalyse wird noch von emotionaler Zuwendung gesprochen. Eine Entwicklung, bei der Gefühle, Geist und Seele durch Materielles ersetzt werden, führt zur Vereinsamung und tiefer Depression der Menschen.

Wir leben in einer Zeit der Kälte, fern jeglichen Schutzes einer heilen Großfamilie. Geborgenheit und Nestwärme gehen aufgrund von Existenzängsten und der Jagd nach Job und Geld verloren. Die Leidtragenden sind die Kinder dieser Jäger, die dank mangelnder Zuwendung auf der Strecke bleiben. Nicht von ungefähr thematisiert daher der Deutsche Jugendfilm der Jahre 2004/2005 den Schrei nach Nestwärme und Geborgenheit. Es ist eben einfacher, Kinder in Ganztages-Kindergärten oder Schulen abzuladen, als sich um sie zu kümmern. Und gerade da entstehen die Defizite, die ihre Spuren bis ins Alter hinterlassen.

Laut Prof. Dr. Christian Eggers[1] sind frühe Bindungen von Kindern an Bezugspersonen für die seelische Entwicklung und psychische Gesundheit der Kinder von allergrößter Bedeutung. Doch wenn die elterliche Liebe durch distanzierte Erzieherinnen oder Lehrer ersetzt wird, entfremden sich die Kinder. Man gibt sie aus der eigenen Obhut in eine fremde, schlecht kontrollierbare. Diese erste Beziehungskrise führt nicht selten beim Kind zu Entwicklungsstörungen und damit zu Neurosen. Zu leicht werden im modernen Trenddenken biologische Gegebenheiten verkannt und fallen der Eigenüberschätzung zum Opfer. Das Kleinkind ist den Rhythmus des mütterlichen Herzschlages gewohnt, was ihm Geborgenheit und Sicherheit vermittelt. Bereits in den ersten Lebensstunden und -wochen finden tiefgreifende Interaktionen zwischen Säuglingen und primären Bezugspersonen statt. Die neuere Säuglingsforschung zeigt, dass Säuglinge bereits im Alter von 45 Minuten die Mimik ihrer Bezugspersonen aufnehmen und differenzieren können. Aus diesem wohligen Stadium der Vertrautheit wird das Kleinkind herausgerissen, wenn man es zu früh in Kindergärten abschiebt, wo es zu allem Überdruss schon schulisch vorgebildet werden soll, wie es beispielsweise bereits in Japan praktiziert und in Deutschland immer mehr propagiert wird.

In der ehemaligen DDR hatte man die Kinder in Ganztages-Kindergärten geparkt – ein System, das voll daneben ging. Die Entfremdung der Kinder brachte zunehmend Probleme. Jedoch widerstrebt es uns Westdeutschen anscheinend aus den Fehlern unserer Nachbarn zu lernen. Kinder, die man frühzeitig der häuslichen Wärme entriss, um sie einer kühleren Obhut anzuvertrauen, wurden orientierungslos, zumindest auf der Beziehungsebene und im späteren Alter nur schwerlich zu festen Beziehungen fähig. Ständig wechselnde Bezugspersonen im Kindesalter führen zu ständig wechselnden späteren Beziehungen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die an psychischen Problemen leiden, hat dementsprechend deutlich zugenommen. Außerdem werden Kinder, die zu wenig Nestwärme mitbekommen haben zu einem potenziellen Klientel für Sekten wie Scientology oder für rechts- und linksextreme Gruppierungen. Sie befinden sich immer auf der Suche nach einer Familie, die Zusammenhalt verspricht. Verwehrt man Kindern neben der Zuwendung zusätzlich die Sprache, so sterben die Kinder womöglich in frühen Jahren.

Ein US-amerikanisches Ärzteehepaar erzog ihren Sohn zusammen mit einem Schimpansen und sprach kein Wort mit ihnen. Der Junge nahm daraufhin die Laute des Schimpansen an und zeigte vermehrt Auffälligkeiten. Nach etwa 8 Monaten weigerte sich die Mutter, weitere Versuche zu dulden. Dass Kind entwickelte sich daraufhin zwar besser und lernte sogar sprechen, studierte später Medizin, nahm sich aber mit 40 Jahren das Leben, nachdem einige Jahre zuvor beide Eltern verstorben waren. Ähnlich gelagerte Fälle sind genügend bekannt. Der spektakulärste Fall ist wohl der des Kaspar Hauser, der in Nürnberg zehn Jahre lang in einem dunklen Raum aufgewachsen war und 1833 mit 21 Jahren an den Folgen eines Attentats verstarb. Noch heute gilt das Kaspar-Hauser-Syndrom in der Sozialpsychologie als Bezeichnung für durch Kontakt­schwierigkeiten gekennzeichnete Entwicklungsstörungen.

Die unmittelbarste Art von Zuwendung, die Eltern ihrem Kind geben können, sind nun mal sanfte Berührungen und Körperwärme. Berührungen sind das erste, das wir auf dieser Welt wahrnehmen. Ohne Berührungen, das weiß man heute, können Babys sich nicht optimal entwickeln. Sie brauchen die zärtlichen, streichelnden Hände von Mutter und Vater so dringend wie die tägliche Milch. Und zwar bereits von der ersten Minute an. Ein Neugeborenes, das nach der Geburt sofort in die Arme seiner Mutter darf, weint und strampelt nicht. Babys bekommen von Körperkontakten jede Menge Anregungen. Reize, die sie für ihre Gehirnreifung dringend brauchen. Berührungen stimulieren das Nervensystem, was der Grund ist, warum Kinder, die in den ersten Lebensmonaten viel mit ihren Eltern schmusen durften, besonders agil und aufgeweckt sind. Der Wunsch nach körperlicher Zuwendung währt ein Leben lang. Es ist der Wunsch nach Geborgenheit, Verständnis und menschliche Wärme. Es ist höchste Zeit für eine Renaissance der Zärtlichkeit, denn sie entspringt einem Urbedürfnis. Erschütternd, wie viele Kinder sich bemühen, allein durch Leistung und Wohlverhalten die Zuneigung ihrer Eltern zu gewinnen[2], weil sie auf anderem Wege keine Zuwendung erfahren. Für andere sind die täglichen Schläge der Eltern die einzige Art der Zuwendung, die man ihnen billigt. Züchtigung als Zuwendung, als Liebesbeweis. Wie sollen diese armen Kinder einmal lernen, liebevoll mit ihrem Partner oder Kind umzugehen? Sie werden ihr ganzes Leben lang glauben, dass Schläge die einzige Form der Liebe darstellen. Aber selbst die Nichtgeschlagenen wissen es nicht besser. Entweder verschwinden die Herren der Schöpfung im Dunkel von Kneipen, um sich Mut anzutrinken, oder reiche Geschäftsmänner parken ihre Ehefrauen in ausländischen Villen, wo diese in Selbstfindungskursen Töpfern lernen.

Egal ob beim Kind oder im fortgeschrittenen Alter, Zuwendung bedeutet nicht allein Körperkontakt, sondern auch, sich Zeit für den anderen zu nehmen, ihn zu trösten, ihn loben, einfach mit ihm sprechen und ihm zuzuhören. Dies muss sich nicht über den ganzen Tag erstrecken, oft reichen wenige Minuten zur rechten Zeit. Doch diese rechte Zeit verpassen wir leicht, weil wir eben nicht mehr zuhören können, nicht mehr spüren, wann das Bedürfnis der Kommunikation am wichtigsten ist, wann es Not tut auf die verborgenen Zeichen zu reagieren. So staut sich das Bedürfnis nach Zuwendung und Aussprache immer mehr auf, wird aber durch die ablehnende Haltung des Adressaten wieder verdrängt und scheut sich eines Tages überhaupt noch ans Licht zu treten. Die Fronten sind verhärtet und der Unmut gewinnt Oberhand, ein Unmut der dann kaum noch zu kanalisieren ist. Der wahre Grund, der eigentliche Auslöser, bleibt im Argen und wird durch so genannte Übersprungshandlungen ersetzt. Das sind Handlungen, die nicht mehr direkt auf die Ursache hinweisen, sondern sich in Ersatzbefriedigungen, wie Fresssucht oder Aggressionen äußern. Um eine derartige Verschärfung der Interaktion mit nachfolgender Abkapslung und Frustration beider Interaktionspartner zu vermeiden, kann man mit einfachen Übungen erlernen, wie man Zuwendung schenken kann. Hier nun beginnt die ‚Meisterschule’, die sich in drei Stufen gliedert: Lachen, Loben und Lieben.

 

 

[1] Vortrag von Prof. Christian Eggers, Facharzt für Psychiatrie; „Die Bedeutung früher Bindungserfahrung für die psychische Entwicklung des Kindes“; 25.04.2005

[2] Heinrich Kalbfuss; „Anleitung zum Glücklichsein“

Zuwendung

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