Was versteht man unter Psychosomatik?

(aus dem Buch „Gesundheit ist kein Zufall“)

 

Was sind psychosomatische Krankheiten? Ist das etwas Schlimmes, so wie Aids? Zumindest wird der als psychosomatisch krank-Eingestufte oft gemieden wie die Pest. Ist jeder gleich irr, der in eine Klinik für psychosomatische Krankheiten eingewiesen wird? Sind psychosomatisch Erkrankte labile Typen, bemitleidenswerte ‚Psycherl’, wie man in Bayern sagt, die nichts aushalten und sich mimosenhaft in Krankheiten flüchten? Menschen, die psychisch nicht belastbar sind?

Aus der Begriffsanalyse lässt sich erkennen, dass es sich um eine Verknüpfung von Leib und Seele handelt. Soma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Leib oder Körper. Psyche entstammt ebenfalls dem Griechischen und ist mit Hauch, Atem, Lebenskraft oder Seele zu übersetzen. Heute ist mit Psyche meist das Unterbewusstsein gemeint. Psychosomatische Krankheiten sind demnach Störungen des Körpers und seiner Funktionen, die vom Unterbewusstsein ausgelöst werden. Psychosomatische Medizin ist die Wissenschaft und Heilkunde von den wechselseitigen Beziehungen psychischer, sozialer und körperlicher Vorgänge in ihrer Bedeutung für Gesundheit und Krankheit[1]. So definieren auch Hoffmann und Hochapfel[2] die Psychosomatische Medizin als Lehre von den körperlich-seelisch-sozialen Wechselwirkungen in der Entstehung, im Verlauf und in der Behandlung von menschlichen Krankheiten.

 

 

Geschichte der Psychosomatik

 

Der Gedanke zur psychosomatischen Betrachtungsweise hat mehrere philosophische Grundlagen. Neben dem psychophysischen Parallelismus, dem psychophysischen Dualismus und dem Materialismus gibt es noch eine vierte fundamentale Theorie, die der ‚Identität von Leib und Seele’. Viele berühmte Ärzte und Denker der Vergangenheit waren sich bewusst, dass unser Körper und dessen Gesundheit eng mit der Verfassung von Geist und Seele verknüpft sind.

Schon Hippokrates stellte fest: Ärger kontrahiert das Herz, Freude erweitert das Herz.

Und Platon riet: Willst du den Körper heilen, musst du zuerst die Seele heilen.

Paracelsus empfahl seinen Schülern: Heile den Geist und du heilst den Körper.

Renatus Cartesius Descartes[3], dessen Worte cogito ergo sum (ich denke, also bin ich) oft zitiert werden, formulierte das Problem der Interaktion zwischen Körper und Seele, den psychophysischen Dualismus.

Der holländische Philosoph Baruch de Spinoza, Nachkomme einer portugiesischen Einwandererfamilie, behauptet, dass alles, was am Körper geschieht, seine Entsprechung in der Seele hat. Geist und Seele sind eine Identität. Gehirnprozesse und Geisteszustand seien dasselbe. Nach seiner Leib-Seele-Identitätstheorie[4] existieren reine psychophysische Ereignisse, welche einerseits vom Subjekt und andererseits von einem Beobachter unterschiedlich erlebt bzw. erfahren werden. Hieraus leiten Subjekt und Beobachter auch unterschiedliche Erkenntnisse ab.

Der Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibnitz war der Ansicht, dass Geist und Körper zwei gänzlich verschiedene Formen der Existenz darstellten und sich gleichsam in einer vorgegebenen Harmonie ohne Einfluss zueinander verhielten. Dieser von Leibnitz formulierte psychophysische Parallelismus konnte sich jedoch wegen der offensichtlichen gegenseitigen Beeinflussbarkeit von physischen und psychischen Ereignissen nicht halten.

Thomas Hobbes[5] vertrat die Theorie des Materialismus, wonach die Wirklichkeit immer eine physische Wirklichkeit sei. Eine andere davon losgelöste Realität, geprägt von mentalen Phänomenen, existiere nicht. Diese materialistische philosophische Grundorientierung hat wiederum drei Subtheorien hervorgebracht. Erstens den Reduktionismus, wonach das Mentale auf das Physikalische reduziert werden könne und alles durch eine Analyse der zugrundeliegenden physischen Prozesse erklärbar sei. Zweitens seien geistige Phänomene nur Epiphänomene, also sekundäre oder zufällige Effekte von physischen Prozessen. Und drittens erwüchsen geistige Phänomene allesamt physischen Phänomenen, als eine systemische Ganzheit.

Johann Christian Reil[6] vertrat schon zu seiner Zeit eine moderne psychosomatische Auffassung: Psychische Curmethoden sind also methodische Anwendungen solcher Mittel auf den Menschen, welche zunaechst auf die Seele desselben und auf diese in der Absicht wirken, damit dadurch die Heilung einer Krankheit zustande kommen moege. Es ist daher in Ruecksicht ihres Begriffes gleichgueltig, ob sie eine Krankheit der Seele oder des Koerpers heilen; ob das erregte Spiel der Seelenkraefte, zum Behuf der Heilung, durch mitgetheilte Vorstellungen und Begriffe, oder durch koerperliche Mittel […] erregt worden ist.[7]

Johann Christian August Heinroth[8] verwendete erstmals den Begriff ‚psychosomatisch’. Er war bemüht, die Ursache für viele körperliche Erkrankungen im sündhaften Leben zu suchen.

Klarer fasst den Begriff der Psychosomatik der Internist Ludolf von Krehl (* 1861 n. Chr.; … 1937 n. Chr.): Krankheiten als solche gibt es nicht, wir kennen nur kranke Menschen!

Sigmund Freud[9], der wohl bekannteste Psychoanalytiker, beschrieb in seinem Konversionsmodell die Umsetzung seelischer Konflikte in körperliche Phänomene.

Der Internist und Neurologe Viktor Freiherr von Weizsäcker (* 1886 n. Chr.; … 1957 n. Chr.) verstand Krankheit als eine pathologische Form der Selbstverwirklichung und als Teil der individuellen Lebensgeschichte. In seiner Lehre vom ‚Gestaltkreis’  werden Seelisches und Körperliches in ihrer funktionalen Verschränkung beschrieben.

Der Mediziner Thure von Uexküll (* 1908 n. Chr.; … 2004 n. Chr.) war Mitbegründer der psychosomatischen Medizin. Er verteidigte den intensiven Kontakt mit dem Patienten und der daraus folgernden ‚sprechenden’ Medizin einer Ärzteschaft gegenüber, welche die Psychosomatik immer noch gettoisierte. Er vervollständigte mit seinem Sohn Jakob von Uexküll die Arbeit seines Vaters Jakob Johann Baron von Uexküll über die biologische Semiotik. Es galt die Erfahrungen Sebeoks[10] mit der Semiotik bei Tieren (Zoosemiotik) auf den Menschen zu übertragen. Dazu muss man den menschlichen Körper als ein Netz aus Semiosen[11] begreifen. Als kleinste Einheit dient der mikrosemiotische Dialog zwischen Genen und Enzymen, gefolgt von der Zeicheninteraktion der Zellen, der Cytosemiosen, bis zur Interaktion von Organen. Auf der weiteren Ebene entstehen soziale Systeme, die durch Kommunikation zwischen Individuen festgesetzt werden. Mit der Feststellung, dass jedes Lebewesen seine Umgebung interpretiert, ist der Psychosomatiker als Beobachter gezwungen, diese Interpretation seinerseits zu interpretieren. Hier erfolgen erfahrungsgemäß die meisten Fehler.

[1] Hehlmann; „Wörterbuch der Psychologie“, Brockhaus 2001

[2] Hoffmann, Hochapfel; „Neurotische Störungen und Psychosomatische Medizin“.

[3] Philosoph, Mathemtiker und Naturwissenschaftler (* 1596 n. Chr.; † 1650 n. Chr.),

[4] W. Bartuschat; „Spinozas Theorie des Menschen“ (1992)

[5] Thomas Hobbes (* 5. April 1588 in Westport in Wiltshire; † 4. Dezember 1679 in Hardwick Hall, Derbyshire) war ein englischer Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph, der durch die in seinem atheistischen Hauptwerk „Leviathan“ begründete Theorie des Gesellschaftsvertrages Berühmtheit erlangte.

[6] Johann Christian Reil (* 20.02.1759 in Ostfriesland; † 22.11.1813 in Halle) war Arzt und später Professor. Er erfand 1808 den Begriff ‚Psychiatrie’.

[7] J.Ch. Reil; „Phapsodien über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen

[8] Johann Christian August Heinroth (* 1773 n. Chr.; † 1843 n. Chr.) erhielt den ersten deutschen Lehrstuhl für Psychotherapie in Leipzig. Er gilt als Begründer der Psychiatrie, die er zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin machte.

[9] Sigmund Freud (* 06.05.1856 in Freiberg; Mähren; … 23.11.1939 in London) gilt als Begründer der Psychoanalyse.

[10] Thomas Albert Sebeok (* 9.11.1920 in Budapest; † 21.12.2001 in Bloomington, Indiana, USA) war einer der bedeutendsten Vertreter der Semiotik. Insbesondere befasste er sich mit der Zoosemiotik und galt als Begründer der Biosemiotik.

[11] Als Semiose bezeichnet man die Bildung und den Gebrauch verschiedener Zeichensysteme, die eine nonverbale Verknüpfung zwischen Gehirn des Senders und Realität des Beobachters darstellen. Durch Zeichen werden Informationen in Zeit und Raum übermittelt. Zeichenproduktion, ihre Interpretation und Interaktionen sind Gegenstand der Semiotik.

Psychosomatik

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